Fluchtpunkt 2000

Alles drängt, strebt, flüchtet sich hin zu 2000.
Beschleunigung der Zeit, Erweiterung der Räume,
Voranschreiten des Lebens.
2000: eine Zahl, ein Jahr, ein Mythos.

Schon sehe ich mich Ende 1999 ein ganz ausgelassenes Silvester feiern, mein vorheriges Leben Revue passieren lassend, mit dem Vorsatz, es nun endgültig in seiner alten Form schlicht abzulegen und mit neuem Elan frisch zu beginnen.
Und dann der Januar 2000: die ersten zarten, jungfräulichen Tage eines kommenden Jahrtausends Weichen stellen sich, neue Räume tun sich auf, langsam gebiert sich eine neue Zeit, die nunmehr endgültige Geburt des Wassermannzeitalters.
Dahinschweben werde ich durch diese ersten Tage jenes neuen Weltzeitalters, wie auf Watte gehen, sanft und lieblich lächelnd, weise meinen Rat all jenen gebend, die noch ungewiß und voller Angst nach vorne blicken, all jenen, denen Neues, Ungreifbares immer schon ein Greuel gewesen ist und die sich eher unwohl fühl`n bei dem Gedanken daran, dass um sie herum sich Neues unausweichlich und ganz einfach so gebiert.

Oder wird es doch bloß ein simpler Übergang werden, ein nüchternes Datum, das schlicht und einfach einen Phasenwechsel markiert, der ja letztendlich auch nur wieder einer ist von vielen und der gerade durch sein kollektives Wesen nun nicht auch noch unbedingt für mich persönlich von besonderer Bedeutung sein muss?
Also am Silvesterabend ein bißchen meditieren, was Gutes essen und dann einfach irgendwann ins Bett, wie sonst an jedem anderen Tage auch, was soll`s,

"Komm, lass uns schlafen gehen!
Das neue Jahr ist eine
Sache von morgen."

wie ein japanisches Haiku es treffend auf den Punkt bringt.
Und dann am Neujahrsmorgen aufsteh`n und das neue Jahr begrüßen, es willkommen heißen, und dann einfach tun, was grad` zu tun ist, wohlwissend, dass die wahre Freude immer darin liegt, was gerade ist, simples So-sein, leben im Augenblick, und alles annehmen, wie es ist, nichts sonderlich erhöhen oder aufbauschen, selbst die Erleuchtung wieder loslassen und gerade darin die Erleuchtung finden, nur immer alles annehmen, annehmen, annehmen, was im Augenblick geschieht, sich fügt, entwickelt...

...Auf und Ab, Höhen und Tiefen, kosmischer
Tanz durch/über Berg und Tal, Verknüpfung des Untrennbaren, Liebe und Hass, Geburt & Tod, Entzücken = Entsetzen, und all das in der unendlich sich verzehrenden Sekunde zwischen dem 31.12.1999 / 23:59:59½ und dem 1.1.2000 / 0:00:00½ , alles und/oder nichts im Übergang, gesegnet seist du, ewige Erleuchtung in Umklammerung des Guten mit dem Bösen, des hellen, lichten Tages mit der tiefen, dunklen Nacht, Mondauf- & Sonnenuntergang.

Wie also wird er sein, der Übergang ins kommende Jahrtausend?
Ekstatisch-wild-orgiastisch?
Zurückgezogen-still-meditativ?
Wird`s etwas ganz Besonderes werden?
Oder doch bloß relativ normal?
Und wie - konkret? - wird sich`s gestalten?
Allein auf einer Berghütte, nur ich und die Natur?
In trauter Zweisamkeit mit meiner Freundin?
Oder im Kreise vieler gleichgesinnter Menschen?
Entweder/oder? Oder doch alles in einem?

Alles bricht sich, überschlägt sich und formiert sich neu - gewagtes Spiel bei sich`rem Regelwerk -, und wilde Unschuld paart sich gern mit vornehmer Enthobenheit, von ehernen Gesetzen unausweichlich streng umrahmt.
Chaos im Refugium, Meditation im Stop-and-Go, die Hände zum Gebet - das Seil entlang -, und schließlich doch die Arme weidlich ausgestreckt nach links und rechts, um die Balance zu halten, die ja, trotz gegensätzlicher Vermutungen, doch nie tatsächlich je im Kern bedroht war/ist/sein wird.

Ein Zeitalter vergeht, während das nächste Einzug hält - es gilt, bereit zu sein, wenn Glocken läuten und Aurora eine neue Zeit verkündet.
Quälendes Sein in lieblicher Verzückung, Geburt im Tode, Schmerz und Wehen, drücken, pressen, schreien und dann: Loslassen, die Tore auf, es strömt herein gleißendes Licht in göttergleicher Pracht, wohlan, lasst es euch gutgehen, frönt den sinnlichen Genüssen, für den Moment ist`s gut, nehmt hin das göttliche Geschenk des Hier-und-Jetzt in lieblicher Verzückung, und: wer will denn heute schon von morgen reden?

Die alte Haut wird abgelegt, Neues entsteht und wächst hinein in eine nahe ferne Zukunft, die sich gebiert in jedem Augenblick, ob 0 Uhr 00:00, der Punkt, der zwischen den Jahrtausenden sich regt, ob kurz davor oder auch kurz danach, ob Tage, Monate, gar Jahre vorher oder nachher, bleibt doch jeder Augenblick bloß Augenblick, der immer auch Geburt und Tod in sich vereint, meist unsichtbar, verborgen im Geschehen, zuweilen jedoch sichtbar und sehr selten eben gar in jenem Maße deutlich, wie es uns jetzt der Wechsel der Jahrtausende unmittelbar vor Augen hält, der ganzen Menschheit obligat zur Kenntnisnahme.

Was werd` ich tun in jenem Augenblick, der zwischen allem liegt und doch auch gleichsam alles in sich birgt?
Werd` ich im voraus planen?
(Und wenn ja: wie lange dann im voraus?
Und wenn nein: was denn wohl sonst?)
Bloß einfach darauf hoffen, dass alles schon geschehen wird im richtigen Moment?
Oder den Mut zur Zusage für dieses oder jenes?
Wer weiß, vielleicht ist`s letzten Endes auch egal...

Fluchtpunkt 2000, brüchiges Ritual des Werdens und Vergehens, die Aufbegehr des Flüchtigen in ew`gem Kampf mit festlegenden Mächten, beflissentlich gebannt in der Sekunde der Befreiung, und: Spielball der Möglichkeiten, als da sind: das Hier & Jetzt und Dort & Damals/Bald - Einswerdung in Entzweiung, sich entblößend in der Nische der Unendlichkeit, die zwischen Zeit und Raum besteht in endlos endlicher Verwesung, frisches Keimen inbegriffen, das über alle Maßen hoch und heilig ist.

Fluchtpunkt 2000, ja, ein Punkt, ein Punkt, ein ganz besonderer Punkt, doch eben auch und zwar vor allem nur ein Punkt und nicht viel mehr, zeigt er doch bloß, was immer schon geschehen ist und künftig auch geschehen wird und ewig stets geschieht, freilich in einer Variante, die recht einmalig erscheint, doch was ist letztlich nicht einmalig?

So ist er also nichts Besonderes, dieser Jahrtausendwechsel?
Nun ja, es gab schon andere zuvor und weit`re werden folgen - jedoch wird`s dieser sein, den wir jetzt miterleben.

Freude schöner Götterfunken, Ernüchterung folgt auf dem Tritt.

Und wenn die ganze Welt fixiert ist auf den einen Punkt, dann werd` ich wohl versuchen, so sehr wie eben möglich einfach nur zu sein.


Dieser Text wurde 1999 veröffentlicht in den Zeitschriften Sein (4/99) und Visionen (6/99).